Life is an Adventure

So. Jetzt habe ich mich wie lange nicht mehr gemeldet? Einen Monat? Zwei? Keine Ahnung. Unwichtig. So viel ist passiert, so viel wurde gelebt, gelacht, gereist, getanzt, geweint, geliebt, genossen. Vor allem das Leben. An manchen Tagen mehr als an anderen.

Warum habe ich mich so lange nicht gemeldet?
– Ja, gute Frage. Vielleicht war ich einfach zu beschäftigt, Dinge zu erleben, als sie aufzuschreiben. Vielleicht war ich auch einfach faul, oder hatte keine Lust, das Erlebte zu teilen. Ich kann es nicht so richtig erklären. In letzter Zeit habe ich aber wieder verstärkt das Bedürfnis gehabt, alles mal wieder aufzuschreiben. Schreiben hat letztendlich schon immer eine beruhigende Wirkung auf mich gehabt. Ich erinnere mich noch gut an die Tage in meiner Kindheit, an denen ich mit Papier und Bleistift auf meinen Lieblingsbaum im Garten geklettert bin und Geschichten geschrieben habe.

Das letzte, was ich also erzählt hatte, war, dass Jan zu Besuch da war und der Frühling quasi vor der Haustür stand. Während ich diese Zeilen schreibe, habe ich ein rotes Sommerkleid an, die Küchentür ist auf, von draußen weht eine leichte Brise Sonnenuntergangsluft herein und es riecht nach Sonnencreme, Wassermelone und frisch gemähtem Gras. Es ist also viel Zeit vergangen. Midsommar steht kurz bevor und es ist wärmer, als je zu vor. Tatsächlich habe ich den heißesten Mai seit 20 Jahren hier miterlebt und auch jetzt, im Juni, hält sich das Wetter auf beeindruckende Weise.

Als Jan also wieder weg war, lag in Stockholm immer noch ein Rest Schnee und es wurde dann auch noch einmal drastisch kälter, sodass das Meer vor unserer Haustür wieder so weit zu fror, dass man mit einem Luftkissenboot drüber fahren konnte.

Anfang April war Ostern und das bedeutete für mich die geballte Dröhnung Familie. Jonas Eltern waren zu Besuch gekommen und es wurde ziemlich eng bei uns zu Hause. Ich flüchtete mich mit Cisco so oft es ging nach draußen, zum Laufen in den Haga Park oder traf mich mit Franzi in Stockholm zum Kaffee trinken.

Das Wochenende danach machten Franzi und ich mit einem Freund von ihr relativ spontan einen Ausflug zum Tyresta Nationalpark. Tolle Landschaft, nicht zu viele Touristen und die Ruhe der Natur, die ich ziemlich brauchte.

Am selben Tag erfüllte ich Franzi auch noch ihren Wunsch, sie wenigstens einmal mit zum Tanzen zu begleiten. Lindy Hop ist wirklich nicht mein Ding, und auch nach dem Abend nicht, aber die Stimmung war schon toll. Ein Jazz Club, laute Musik, zu viele Menschen auf einer zu kleinen Tanzfläche, Gelächter, glückliche Gesichter und ein Gefühl von Euphorie. Ich ziehe seit diesem Abend ernsthaft in Betracht, einen Tanzkurs anzufangen, wenn ich wieder in Deutschland bin. (Dann aber nicht Lindy Hop.) Noch am gleichen Wochenende hakten wir noch einen anderen Punkt von unserer Do-To-Liste ab, nämlich mal zusammen Squash spielen zu gehen. Für Franzi war es das aller erste Mal, aber ich war quasi genauso schlecht, trotz des Crashkurses während des Abis. Hupsi. Lustig war es trotzdem.

Wärmer und frühlingshafter wurde es endlich, als ich mit den anderen Mädchen einen Ausflug zur Schäreninsel Finnhamn machte. Es war eine lange Fahrt dorthin, denn die kleine Insel liegt am äußeren Rande des Archipelagos, aber die Natur, die uns dort erwartete, war es auf jeden Fall wert. Wenn man Schweden wie im Bilderbuch sehen möchte, und keine Lust auf viele Leute hat, sollte man zu Inseln wie Finnhamn fahren. Wir trafen ungefähr fünf andere Menschen, 2 davon waren Einheimische, und ansonsten gab es außer Nadelbäumen, Wasser, Felsen und einigen wenigen roten Holzhäusern auch nicht viel zu sehen. Natur pur. Geil!

Ende April war dann auch mein Sprachkurs zu Ende. Es war ein komisches Gefühl, den Raum am Ende der letzten Stunde zu verlassen. Wir haben in all den Monaten so viel zusammen gelernt, gelacht und sind an unregelmäßigen Verben verzweifelt. Gunilla ist die aller beste Lehrerin, die man sich vorstellen kann, und es war die einstündige Fahrt nach Stockholm drei Mal die Woche mehr als wert. Ziemlich bald wurde es dann auch schon ernst. TISUS (Test i svenska för universitets- och högskolestudier) stand vor der Tür und damit kam auch die Aufregung. Über zwei Tage wurden wir in drei unterschiedlichen Prüfungen in Schwedisch geprüft, und ich glaube tatsächlich nicht, dass ich alle drei Prüfungen bestanden habe, weil ich beim ersten Teil ziemlich die Nerven verloren habe. Die Ergebnisse haben wir immer noch nicht, aber das ist mir gerade auch ziemlich egal. Klar, wäre es schön, eine Bescheinigung über mein Schwedisch zu haben, aber ich verstehe die Sprache auch ohne dass mir das eine Universität bestätigt.

Gleichzeitig ging die Konzert-Saison bei Gröna Lund los und ich feierte die überstandenen Prüfungen mit Petter und Darin (Schwedische Musiker die in Deutschland niemand kennt). Außerdem hatte A. Geburtstag und das feierten wir mit meiner dreistöckigen Erdbeer-Sahne-Torte und den Großeltern.

Als die Kirschblütenbäume bei Kungsträdgården anfingen zu blühen, war das für alle Stockholmer das Start-Signal dafür, nach Monaten der Dunkelheit endlich wieder das Haus zu verlassen. Ich ging auf mehr Konzerte, lief mehr parkrun und traf dort eines Morgens auch meine liebste Bloggerin aus Stockholm mit ihrem Mann.

Es war mittlerweile übrigens Mitte Mai, den Frühling hatten wir beflissen übersprungen und waren direkt zu Sommer übergegangen. Ich hatte mir meinen ersten Sonnenbrand schon vor TISUS zugezogen und ging in der Sonne fast ein, als ich wenige Tage später mit meinen zwei Rucksäcken bei T-Centralen stand und auf den Bus wartete. Es ging nämlich nach Jönköping, zu Jan. Ich hatte nicht mehr so richtig damit gerechnet, dass dieser Ausflug noch stattfinden wird, weil er eigentlich fest eingespannt war in Klausuren, Vorbereitungen für diverse Abgabetermine und an besagtem Wochenende auch noch seinen Sommerball von der Uni hatte, aber zu diesem wurde ich dann einfach charmanterweise eingeladen und papers wurden in Cafés fertig geschrieben.

Der Abend an dem der Ball stattfand, war einer der Besten, die ich dieses Jahr, oder vielleicht sogar die letzten Jahre über erlebt habe. Mein Kleid hatte ich mehr als kurzfristig mit Express Delivery erhalten und die dazu passenden Schuhe waren glücklicherweise in meinem Koffer nach Schweden gelandet. Und dann ging es abends los, im Ballkleid, zu Fuß durch Jönköping, mit zwei schnieken Kerlis links und rechts, am helllichten Tage. Macht man auch nicht jedes Wochenende.

Beim Vorfest mit all Jan’s Freunden fühlte ich mich nach dem ersten Gläschen Sekt auch schon nicht mehr overdressed. Es hatten ja schließlich alle Ballkleider an. Auf dem Weg zur Location wenig später überraschte uns natürlich der ultimative Regenschauen und alle Smoking-Träger versuchten heldenhaft, mit den wenigen vorhandenen Regenschirmen alle Kleider trocken zu halten. Das gute Wetter aus Stockholm wollte sich leider nicht so richtig mit nach Jönköping nehmen lassen. Tyvärr!

Dennoch wurde es ein wundervoller und unvergesslicher Abend. Die Location war eine Art alte, große Lagerhalle aus Backstein, die aufwendig für diesen Abend geschmückt worden war. Lange Tische mit weißen Tüchern und ausladenden Kerzenständern erstreckten sich hintereinander bis ans andere Ende der Halle. Gedämpftes Licht sorgte für eine angenehme Atmosphäre, doch das beste war die fantastische Laune aller Gäste. Es war einfach nur ein Fest! Mit jedem Glas Wein wurden die Singchöre lauter und die Stimmung ausgelassener.

Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt und die beste Zeit gehabt! Die anschließende Aftershow Party rundete den Abend dann perfekt ab. Wir haben getanz, als gäb‘s kein Morgen mehr. Haben die Hände in die Luft gestreckt, aus vollem Halse “fångad av en stormvind” mitgesungen und uns beim letzten Lied des Abends lachend in den Armen gelegen.

Im Nieselregen ging es dann nach Hause, in einem Kleid, dessen Saum eine rotötliche Farbe vom Blut meiner wund getanzten Füße angenommen hatte, doch das Lächeln, das meine Lippen schon den ganzen Abend umspielte, ließ sich davon nicht vertreiben.

Am nächsten Morgen gab es Avocado Sandwiches und Pizza zum Frühstück, in Jönköping’s schönstem Café. Von der Stadt selbst war nicht viel zu sehen. Der Nebel am Wasser war so dicht, dass man kaum 50m Sichtweite hatte. Thanks for that.

Das nächste Café und der nächste Kaffee ließen nicht lange auf sich warten. Jan schrieb sein paper weiter und ich genoss einfach nur das Gefühl, in einer fremden Stadt zu sein, und die Freiheit zu haben, alles tun zu können, worauf ich Lust hatte. Keine Aupair Verpflichtungen, kein Lernen, kein Stress.

Abends haben wir Lasagne gekocht, schwedische Musik gehört, über alles und nichts geredet und uns dann die neusten Uni stories von Jans Mitbewohner angehört, der als grün angemalter Hulk in die Küche kam und auf der Suche nach Nahrung war.

Später trafen wir noch Freunde von Jan auf ein Bier und am nächsten Morgen war brunchen angesagt, bevor alle sich eingestanden, dass es Zeit wurde, an den Schreibtisch zurückzukehren. Alle – außer mir. Ich ging als Jönköpings einziger Touri auf Sightseeing Mission. Oh ja, baby. Ein Freund von Jan gab mir den Tipp, in den Stadtpark zu gehen, und als ich endlich dort oben war, lichtete sich auch der Neben und die versprochene Sonne kam zum vorscheinen.

Am frühen Nachmittag machte ich mich wieder auf den Weg zur Uni, um Jan aus der Bib abzuholen, kaufte auf dem Weg noch Obst und dann veranstalteten wir ein kleines Picknick direkt am Wasser, bevor es auch schon wieder nach Hause ging. Stockholm was waiting for me. Dennoch fiel es mir schwer, in den Bus zu steigen, und meine Urlaubsstimmung und einen Freund für einen ganz gewöhnlichen Montag auszutauschen.

Die nächsten zwei Wochen waren relativ unspektakulär. Es war fantastisches Sommerwetter, ich war viel im Garten und mit Cisco unterwegs und an einem heißen Samstag begleitete Franzi mich sogar mit in den Haga Park, um die 5km parkrun mit mir zu laufen. So wenig, wie mir Lindy Hop gefällt, gefiel Franzi das Laufen. Trotzdem fand ich es schön, dass sie wenigstens einmal dabei war und das Parkrun-Team kennenlernte. Seit ich nicht nur dort laufe, sondern gelegentlich auch als Freiwillige helfe und zum Beispiel Fotos mache, fühle ich mich der ganzen Sache und den Leuten noch viel mehr verbunden, als vorher. Der Parkrun hat mir am Anfang meines Auslandsjahres viel Halt gegeben und mein Leben auf eine sportliche Weise positiv beeinflusst. Ich habe viele viele liebe und inspirierende Menschen kennen gelernt (zum Beispiel Caroline, die diesen Juni mit dem Stockholm Marathon ihren 24. Marathon lief und vielleicht gerade erst 30 geworden ist) und einfach das Gefühl bekommen, willkommen zu sein. Es spielt beim parkrun keine Rolle, wo du herkommst, wie alt du bist oder wie schnell du laufen kannst. Dabei zu sein ist alles, und auf die Fika nach dem Lauf freut sich natürlich auch jeder.

Ende Mai hatte klein S. Geburtstag und nun ist er schon stolze 10. Gefeiert wurde das mit einer Fußball-Torte, die ich noch die halbe Nacht lang gebacken hatte, und Geschenken im Bett. Die eigentliche Party mit der ganten Familie am nächsten Tag verpasste ich allerdings, weil meine Familie nach Stockholm kam!

Ich bin morgens direkt los, zum Busbahnhof, um alle abzuholen und sah sie schon von weitem durch eine der großen Glastüren. Wie in einem kitschigen Film ließen sich die ersten drei verflixten Türen nicht öffnen und ich fing schon an, richtig verzweifelt zu werden, aber dann konnte ich endlich raus rennen und allen in die Arme springen. Wir waren eventuell ziemlich emotional. Aber nach 10 Monaten Trennung darf man das auch sein.

Das Wetter war total auf unserer Seite und wir hatten die nächsten Tagen eine wunderschöne Zeit zusammen. Es gab die volle Dröhnung Stockholm, eine Fika nach der nächsten, Sightseeing, Kanelbullar, Polaroidfotos und Lidingö mit meiner AuPair Familie. Einer der schönsten Abende hier, wie ich finde, und ich war tatsächlich ein bisschen aufgeregt, als ich mit meiner richtigen Familie vor unserem Haus stand. Ich bin dieses Jahr so als Mensch gewachsen, habe wahnsinnig viel gelernt, Fehler gemacht, Freude geteilt, reflektiert und mich selbst besser kennengelernt. Jetzt meiner Familie dieses Ich zu zeigen, dass meine AuPair Familie als ganz normales Ich empfindet, war spannend und aufregend.

Baby brother!

Jonas grillte für alle und als ich dort saß, mit zwei Familien, die ich beide als meine bezeichnen würde, empfand ich pure Freude und Dankbarkeit. Familie ist letztendlich das Wichtigste im Leben.

Viel zu schnell war schon wieder der Tag des Abschiedes gekommen, aber auf Grund einer Sturmflut/Weltuntergangs in Aachen, der zu Folge hatte, dass Lauras und Janneks Flug gestrichen wurde, blieben die beiden mir noch eine Nacht länger vergönnt. Jonas und Betty luden die beiden nämlich sofort zu uns nach Hause ein, zur Übernachtung, was ich als sehr großzügig empfand.

Am nächsten Tag ging es dann aber auch für die beiden nach Hause, und es fiel mir wie erwartet schwer, die beiden ein letztes Mal in den Arm zu nehmen.

Womit wir im Juni angekommen wären, aber diesen Teil erzähle ich euch dann in einem anderen Blogpost, denn dieser Text ist eh schon wieder viel zu lang geworden.

Danke für’s Lesen!

Nele x

(By the way: Bis ich diesen Text endlich fertig geschrieben hatte, sind die Ergebnisse meines Sprachtests angekommen. Und ich habe bestanden! (: )

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