WEIHNACHTEN IN SCHWEDEN || Stockholm Diary #18

God Jul allihopa! (Dieser Post erscheint im Sinne der chronologischen Reihenfolge erst jetzt im Januar. Geschrieben habe ich ihn aber bereits an Weihnachten.)

26.12.17
Die Feiertage neigen sich dem Ende zu und ich genieße gerade die Ruhe zu Hause, um für euch aufzuschreiben, wie sich Weihnachten in Schweden angefühlt hat.

Weihnachten. Was bedeutet das eigentlich? Für mich: Zeit mit meiner Familie, Tannenbaum, Rotkohl, spazieren gehen, Kekse backen, der kleine Lord, Caipirinha, viel Zeit auf dem Sofa, Kirche, mehr Rotkohl, mehr Knödel, Liebe, Lichterketten und laut ‘last christmas’ hören.

Als ich die letzte Woche über zusehen musste, wie alle meine AuPair Freundinnen nacheinander nach Hause geflogen sind und happy Insta-stories nach dem Motto #drivinghomeforchristmas gepostet haben, wurde mir schon etwas mulmig zu Mute. Hätte ich vielleicht auch einen Flug nach Hause buchen sollen?
Sonntag Morgen erreichte meine Unsicherheit bezüglich meiner Entscheidung, in Schweden zu bleiben, seinen Höhepunkt, als ich Jan an Heiligabend in aller Frühe zum Flughafen gebracht und mich von ihm verabschiedet habe. Auf meine Frage hin, warum er nicht bleiben würde, antwortete er “wenn Mama ruft, fliegt man halt nach Hause.” Hm. Nachdenkliches Gesicht, letzte Umarmung, letzter Flug nach Hause. Auf dem Weg zurück nach Lidingö hörte ich laut ‘Mer Jul’ im Auto und versuchte mir einzureden, dass ich alles richtig machen würde.

Nachdem ich nochmal geschlafen hatte, weckte A. mich und wir aßen mit der ganzen Familie jul frukost. Wenig später ging es auch schon mit Hund und schweren Tüten voller Geschenke zu Bettys Familie. Das heißt, ihr Bruder mit seiner Frau und deren vier Kindern, mormor (Oma) und morfar (Opa), Jonas Bruder und wir sechs (fünf + Cisco). Das Haus von Bettys Bruder ist wunderschön und genau so, wie man sich ein schwedisches Haus an Weihnachten vorstellt! Ich kam mir vor, wie in Astrid Lindgrens jul, nur der Schnee fehlte. Zuerst gab es Kinderpunsch und Glühwein, Mandeln und andere kleine Köstlichkeiten.

Die Kinder standen vor dem Tannenbaum, bestaunten den Geschenkberg und rätselten, wer wohl was bekommen würde. Natürlich wollten alle das größte Paket für sich beanspruchen, das ausgerechnet kein Namensetikett hatte.

Etwas später wurde dann das Buffet eröffnet. Es sah prächtig aus, nur habe ich davon leider kein Foto gemacht, weil ich zu beschäftigt damit war, etwas Vegetarisches für mich zu finden. An Essen mangelte es uns jetzt nicht gerade, aber die Schweden essen vor allem eins: Fleisch. Fisch. Und noch mehr Fleisch. Mein Weihnachtsessen bestand aus Kartoffeln, Grünkohl, gekochten Bohnen und Rotkohl, aber damit war ich absolut zufrieden. Als ich mir gerade etwas auf meinen Teller schaufelte, kam Bettys Bruder zu mir und bot mir Schinken an, und als ich ihm erklärte, dass ich kein Fleisch esse, schaute er mich bemitleidend an, klopfte mir brüderlich auf die Schulter und sagte ‘poor you’. Ich tat mir nicht leid. Ich hatte alles, was ich brauchte, nur glaubte mir das niemand, aber das war mir egal.

Wein und Schnaps flossen in Strömen, bevor es ans Geschenk öffnen ging. Jan hatte den Tag zuvor schon gesagt ‘Haha, viel Spaß, kann sich nur um Stunden handeln’, aber ich hatte das als maßlose Übertreibung abgetan. Tatsächlich hatte er Recht. Wir saßen geschlagene drei Stunden im Wohnzimmer und packten Geschenke aus, einer nach dem anderen.

Zudem ist es in Schweden so, dass eigentlich jedes Paket mit einem Reim versehen ist, der natürlich vor dem Auspacken feierlich vorgelesen werden muss. Ich kann mich aber nicht beklagen, denn es war super gemütlich, die Kinder hatten eine fantastische Zeit und es erfüllte mich mit Freude, in strahlende Kinderaugen zu blicken. Wir haben schwedische Weihnachtsmusik gehört, mehr Wein getrunken und mehr genascht. Ich habe tatsächlich auch mehrere Geschenke bekommen, womit ich gar nicht gerechnet habe.


Nach der Bescherung gab es verschiedene Nachtische (ist nicht so, als hätten wir zu diesem Zeitpunkt noch keinen Zuckerschock erlitten) und danach machten sich alle langsam auf den Weg nach Hause.

Ich bekam ’10 points for Nele’, weil ich angeboten hatte, nichts zu trinken, um Taxi zu spielen. Das ließ sich Jonas nicht zwei Mal sagen.


Zu Hause ging die Bescherung dann aber noch weiter, da wir nicht alle Geschenke mitgenommen hatten, um den Zeitrahmen nicht zu sprengen, was total gut funktioniert hat. Alle waren sehr glücklich mit ihren Geschenken, mich eingeschlossen, und wir saßen noch lange zusammen, hörten Musik und testeten die ersten Geschenke aus.


Später am Abend habe ich noch mit meiner Familie telefoniert und wir haben unsere eigene Bescherung über Skype gemacht. Mama ist ein bisschen eskaliert mit ihren Paketen, aber ich freute mich riesig!

Am 1. Weihnachtsfeiertag, juldagen, habe ich erstmal lange lange ausgeschlafen. Die Nacht davor hat mein Wecker um 3.45h geklingelt und ich hatte ein bisschen mehr Schlaf nötig. Das Frühstück hab ich verpasst, aber das fand ich jetzt nicht so schlimm. Wir haben uns einen ruhigen Vormittag gemacht, die letzten Geschenke eingepackt und sind damit zu Jonas Familie nach Nacka gefahren.

“Nele, får jag låna mig ditt smink?” Natürlich.

Tatsächlich toppte dieses Haus alles. Ich kann überhaupt nicht in Worte fassen, wie beeindruckt ich davon war. Die Weihnachtsdeko war absolut ON POINT, es gab überall Tannengirlanden, einhunderttausend Kerzen, einen flackernden Kamin, Weihnachtsbücher, Süßigkeiten auf rollbaren Tischchen, Glögg, Mistelzweige und ganz viele Verwandte. Ich glaube, als alle eingetrudelt waren, waren wir um die 20 Leute. Ich fand es einfach nur toll. Natürlich hat man am Anfang Angst, der Außenseiter zu sein als Nicht-Familienmitglied, aber alle waren unwahrscheinlich nett zu mir, haben versucht, mich in ihre Gespräche einzubeziehen trotz meines schlechten Schwedischs, haben mir ihre Traditionen gezeigt und mir die ganze Zeit über das Gefühl gegeben, dass ich willkommen bin. Ich hätte mir nicht mehr wünschen können. Die überwältigende Großzügigkeit von Jonas Familie hat mich schlicht vom Hocker gehauen.

Das Weihnachtsessen war sogar noch besser, als das an Heiligabend, denn es waren noch zwei Veganer anwesend und es gab eine riesige Auswahl an pflanzenbasierten Gerichten und von Würstchen bis hin zu veganen Köttbullar war alles dabei. Alle haben natürlich mehr gegessen, als ihnen gut tat, mich eingeschlossen. Es war aber auch einfach ZU köstlich und ich wollte alles probieren. Wann ist man schließlich das nächste Mal an Weihnachten in Schweden? Das Essen wurde alle paar Minuten unterbrochen, um ein kurzes Weihnachtslied zu singen, dann wurde angestoßen und weiter gegessen. Kein Wunder, dass eine Flasche Wein nach der nächsten leer war und die Stimmung immer besser wurde. Jonas grinste bei jedem weiteren Glas schelmisch vor sich hin, weil er wusste, dass ich wieder fahren würde. #Neletaxi

Als alle sich wieder halbwegs bewegen konnten, ging es ins Wohnzimmer, um Geschenke auszupacken. Es gab nicht für jeden ein festes Geschenk, aber wir hatten eine ‘Lotterie’. Jedem wurde also praktisch ein Geschenk zugelost. Es gab viele schöne Bücher und andere tolle Sachen, und ausgerechnet ich, die Leseratte, bekam die große Flasche finnischen Gin, was viel freundliches Gelächter hervorrief.

Auch bei diesem Weihnachtsessen gab es wieder viel Nachtisch, bestehend aus diversen Kuchen, Obstsalat, Kaffee, Tee, Schnaps, Karamell-Törtchen und vielem vielem mehr. Det var verkligen otroligt gott! 

Spätestens nach diesem Tag war für mich klar, dass ich alles richtig gemacht habe. Wenn ich mir vorstelle, was ich alles verpasst hätte, wenn ich nach Hause geflogen wäre (und ich weiß ja jetzt, was ich verpasst hätte), wäre ich richtig richtig enttäuscht gewesen.

Weihnachten wird in Schweden sehr ernst genommen und ich fand es unbeschreiblich toll, dieses Fest bei der besten Familie in Schweden feiern zu dürfen. Ich kann immer noch nicht begreifen, wie toll mich alle aufgenommen haben, so, als wäre es komplett normal, einen wildfremden Menschen an Weihnachten bei sich zu Hause zu haben.

Wenn ich meine ursprüngliche Weihnachtsliste mit dem vergleiche, was ich in Schweden hatte, finde ich, dass es nicht hätte besser laufen können: Familie: check! (Ich hätte mir vor ein paar Monaten noch nicht vorstellen können, dass ich mal das Gefühl haben werde, zu einer anderen Familie als zu meiner eigenen zu gehören), Tannenbaum: check, Rotkohl: check, Spazieren gehen: nope, aber dafür haben wir uns an den Händen gehalten und sind minutenlang durchs Haus getanzt, Kekse gab es in Massen, ebenso Alkohol, Lichterketten und liebe Menschen. Nur die Kirche und meine Lieblingsweihnachtsfilme fehlten, aber das machte überhaupt nichts. Und für die Überdosis an ‘last christmas’ sorgte A. sowieso.

Ich bin überglücklich, dass ich ein Teil dieser wundervollen Familie sein darf. Mein Weihnachten hätte nicht besser sein können! TACK SÅ MYCKET!
(Natürlich kam auch ein bisschen Heimweh auf, das ist ja klar, aber wenn alle so lieb zu einem sind, vergisst man das auch schnell wieder)

GOD JUL! (Ja ich weiß, dass mittlerweile Januar ist.)
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4 comments

  1. Wieder mal ein sehr schöner Blog!
    Und echt schöne Bilder – du hast Recht, dass sieht echt aus, als entspringe das einem Astrid Lindgren Buch/Film 🙂
    Was ich noch fragen wollte (wahrscheinlich hast du es schon mal erwähnt…): bist du das erste aupair in der Familie?! Beste grüße 🙂

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