HAVING THE BEST TIME || AuPair Diary #24

‚Dont’t let the fear of what could happen make nothing happen.‘

Das ist dein Jahr. Der Beginn vom Rest deines Lebens. Genieße es. Genieße jede Minute. Du bist nie so jung, wie jetzt. Nutz die Zeit. Lebe.

Das sind die typischen Sätze, die man andauend im Kopf hat, und auch von seinem Umfeld hört, wenn man ein Auslandsjahr macht. Jedenfalls ist das bei mir so. Im Prinzip stimme ich auch mit allem überein, aber manchmal ist das trotzdem schwerer, als gedacht. Manchmal will man auch einfach traurig sein. Oder ist unzufrieden. Und sauer. Und traurig. Und man fragt sich, was man eigentlich gerade macht in seinem Leben. Wenn die Kinder fies zu mir sind oder undankbar, oder der Wäscheberg einfach nicht kleiner wird, während draußen die Sonne scheint, oder wenn einem für nichts gedankt wird, weil alle viel zu busy sind. In solchen Momenten ist es schwierig, zu denken „Genieße es. Mach was draus.“ Hinzu kommt, dass ich mich langsam damit konfrontiert sehe, meine bequeme „erstmal ein Jahr im Ausland und dann sehen was kommt“-Blase verlassen zu müssen und das richtige Leben in Angriff zu nehmen. Das Leben nach Schweden, auf das ich im Moment noch gar keine Lust habe. Es ist die Zeit gekommen, sich nach dem richtigen Studiengang umzusehen, eine Stadt auszusuchen, in der man sich vorstellen kann, die nächsten Jahre zu leben, Bafög und andere bürokratische Themen in Angriff zu nehmen, ja, erwachsen zu werden.

Umso wichtiger ist es, diesen Kreis aus Frust, der sich gelegentlich im Alltag anstaut, auch mal bewusst zu durchbrechen und tatsächlich die Zeit zu nutzen, die man hat. Zu genießen. Spaß zu haben. Sich mit Menschen umgeben, die dich glücklich machen. Viele Dinge, die mir gerade Sorgen bereiten, kann ich jetzt nämlich eh noch nicht entscheiden. Wieso sich also verrückt machen.

Genießen also. Genau das tat ich, als Jan vor Kurzem nach seiner Klausur für ein langes Wochenende zu uns nach Lidingö kam. Er hatte die letzten Wochen quasi nur in der Bib gelebt (eventuell auch Monate?) und hatte Bock, coole Sachen zu unternehmen. Das kam mir in meiner ‚Ich weiß nicht so richtig, was ich mit meinem Leben anfangen soll‘-Phase sehr gelegen. Die nächsten Tage sollte es deshalb darum gehen, so viele schöne Sachen wie möglich zu machen. Essen gehen zum Beispiel. Man könnte diesen Blogpost nämlich auch eigentlich ‚What Jan and I eat in a Day – Stockholm Edition‘ nennen und würde unser Wochenende damit ziemlich gut zusammenfassen.

Ganz oben auf unserer Liste dabei stand natürlich Zeit mit der Familie zu verbringen. Als er Mittwoch Abend ankam gab es deshalb „Jan-Lax“, Wein und gute Gespräche beim Abendessen. A.’s Englisch-Hausaufgabe war es, am Laptop beim Musikvideo gucken die richtigen Wörter in den Songtext einzufügen und alle hatten einen Heidenspaß daran und halfen fleißig mit.

Donnerstag hatte S. schulfrei, da die Lehrer Konferenzen hatten. Den ganzen Tag vor dem Fernseher zu sitzen und FIFA zu zocken oder Pokémon zu gucken, war für Jan und mich keine Option, weshalb wir S. zwangen, sich ein Museum auszusuchen, in das er gerne gehen möchte. Es wurde tatsächlich relativ schnell das Sportmuseum! (Ich wusste ehrlich gesagt nicht einmal, dass es das gibt.) Während die Jungs im Flur Innebandy (floor hockey) spielten, machte ich American Pancakes für alle zum Frühstück und danach ging es auch schon los in die Stadt, zum Museum! Wie sich herausstellte, wollte S. nur aus einem einzigen Grund in ausgerechnet dieses Museum: Es gab eine Art Station, an der man einen Ball in ein Netz werfen und sehen konnte, wie doll man geworfen hat. Wow. Er war erst dann zufrieden, als er einmal fester geworfen hatte als ich. Natürlich. Davon abgesehen fand ich das Museum ziemlich langweilig und wir sind auch nicht so lange geblieben, sondern lieber wieder zurück nach Lidingö gefahren, genauer gesagt nach Långängens Gård, da eine gewisse Person relativ sugen på köttbullar des dortigen kleinen Restaurants war.

Es wurde ein Spaziergang wie im Bilderbuch. Das Wetter kann sich gerade nicht entscheiden, ob es Winter oder Frühling haben will, was konkret bedeutet, dass wir bei strahlend blauem Himmel durch Schnee wateten und spontan eine Schneeballschlacht starteten. Nach dem Motto: Jeder gegen jeden. (Ja okay, eigentlich S. und ich gegen Jan, hehe.)

Im Anschluss gab es die heiß ersehnten köttbullar und sogar noch eine heiße Schokolade und Nachtisch. Mums! Weil es ganze 5°C und damit ja quasi Sommer war, wurde auch direkt draußen gegessen. Kann man machen!

Am nächsten Tag hatten die Kinder ganz normal Schule und ich auch, und Jan kam spontan wieder mit. Gunilla freut sich ja schließlich auch immer, wenn sie ihre ehemaligen Schützlinge wieder sehen kann. Im Vergleich zum letzten Mal, als Jan mit dabei war (Oktober?), sind wir dieses Mal bedeutend weniger Leute und das Niveau ist natürlich auch ganz anders. Im genieße es sehr, in einer kleineren Gruppe zu arbeiten, weil man einfach mehr gefordert wird. Dennoch versucht Gunilla, auch den Spaß zu erhalten und gab uns eine Liste mit ‚Du weißt, dass du zu lange in Schweden bist, wenn…‘-Momenten, von der ich gleich mal etwas abfotografieren und an Jonas schicken musste, haha. („Du weißt, dass du zu lange in Schweden bist, wenn du ernsthaft daran glaubst, dass Schweden jemals die Fußball-Weltmeisterschaft gewinnen wird.“ Zu dem Thema habe ich ja auch gerade eine spannende Wette mit S. am laufen, aber das ist eine andere Geschichte.) Nach der Schule ging es leider direkt nach Hause, schnell etwas essen und dann A. abholen. Es wurde ein ruhiger und gemütlicher Tag auf Lidingö, den wir mit kochen, guten Gesprächen und Musik ausklingen ließen.

Samstag starteten wir, oder wenigstens ich, ausgeschlafen ins Wochenende. Jan ist nämlich erstmal direkt 10km mit Cisco laufen gegangen. Ist klar. Kann man machen, muss man nicht. Ich fühlte mich trotzdem auf eine unangenehme Weise faul und rollte deshalb meine Yogamatte aus. (Ich habe nicht wirklich eine Yogamatte, sondern mache meine Übungen auf einem Teppich im Flur. Hupsi. FunFakt #2: Den Ausruf „Hupsi!“ hat der Rest der Familie jetzt offiziell von mir übernommen.) Geplant war dann, dass die Kinder heute etwas mit Betty und Jonas unternehmen würden, nur erwies sich dieser Plan als nicht ganz so ausgereift, als A. einen Wutanfall bekam, weil sie anscheinend nichts zu tun hätte, sie in die Stadt wolle und keine ihrer Freundinnen Zeit zu haben schien. Ja. Wer war gerade auf dem Weg in die Stadt? Richtig. Mit einer pubertierenden 11-Jährigen in die Stadt zu fahren, ist in etwa gleich lustig, wie mit Jonas „How to hunt – Wildschweinjagd extrem“ zu gucken. Also gar nicht. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich übertreibe schamlos, aber die letzten Male mit A. in der Stadt waren einfach nur eine Katastrophe, die entweder mit einem Wutanfall, weglaufen in einem Kaufhaus oder Beleidigungen gegen mich endeten. Heute wollte sie sich aber zusammenreißen, denn es war ja schließlich mein ‚freies‘ Wochenende und Jan und ich hatten eigentlich auch schon einen Plan, in welches Café wir wollten. Dort angekommen stellten wir fest, dass wir nicht die Einzigen waren, die Lust auf Pom & Flora hatten. Es hatte sich nämlich schon eine kleine Schlange vor dem Café gebildet. Unter normalen Umständen hätte ich einfach ein paar Minuten gewartet, wie man das halt so macht in Stockholm, aber ein „ich habe seit Stunden nichts mehr gegessen“-Kind dabei zu haben, ist nun mal kein normaler Umstand. Deshalb wurde weiter gesucht. Als A.’s Ungeduld unerträglich zu werden schien, waren wir schon fast bereit, das nächste Espresso House aufzusuchen, als Bröd & Salt uns rettete. Mit vollem Bauch war A. gleich viel umgänglicher. Trotzdem wollte sie danach in alle möglichen Läden, wie immer. Alles schön unter dem Motto: „Ich weiß, dass ihr entscheiden dürft, wo wir hingehen, aber ich will gerne hier rein und da rein und dort auch noch. Habt ihr etwas dagegen? Nein? Okay, då kör vi!’“ Jonas holte sie dann am frühen Nachmittag ab, weil er mit ihr zu einem Fußballspiel gehen wollte. Hui. Nachmittag gerettet. Ich war eventuell kurz davor, ziemlich schlechte Laune zu bekommen.

Besser spät als nie, ging es dann wieder zurück zu Odenplan, um endlich im Café Pascal etwas zu essen. Dagens soppa war etwas mit Pastinake und diese kann ich wirklich nur weiterempfehlen! Ich sollte eventuell echt mal langsam einen ‚Guide‘ mit meinen Lieblingscafés schreiben, es gibt nämlich so viele Wunderbare in Stockholm!

Wir sind noch den ganzen Tag in der Stadt unterwegs gewesen, haben in der Stadtbibliothek spontan einer Art Poetry Slam gelauscht und sind danach den ganzen Weg runter bis nach Hötorget gelaufen, weil wir Kinokarten für „Lady-Bird“ hatten. Richtig guter Film! Ich hatte erst gedacht, er könnte vielleicht zu „girly“ sein, aber es war genau die richtige Mischung aus Humor, Romantik, Ernst des Lebens und wichtigen Themen wie erwachsen werden, sozialer Hintergrund, sich selbst finden und Mutter-Kind-Beziehungen. Die Dialoge sind wahnsinnig gut und ich habe Tränen gelacht, und an einer Stelle auch einfach ein bisschen vor mich hingeheult. Heimlich natürlich. Beim Thema ‚ins Kino gehen in Stockholm‘ bekomme ich aber immer noch jedes Mal eine mittelgroße Krise, weil es verdammt nochmal kein normales, süßes Popcorn gibt! Salziges Popcorn? Come on Schweden, echt jetzt? Das könnt ihr doch besser. Es gibt nur einen winzigen Süßigkeiten-Ständer mit kleinen Döschen süßem Popcorn, was dann aber nicht normal süß, sondern mit Schoko oder Karamell oder irgendwas anderem Buntem überzogen ist. (Natürlich nimmt man dann Karamell, ich meine, wer würde sich schon für bunt entscheiden.)

Um den doch noch richtig gut geworden Tag auch richtig gut ausklingen zu lassen, haben wir noch spontan in eine Pizza bei Vapiano investiert. Es gibt schließlich nichts besseres, als sein Geld für Essen zu verprasseln und ich war noch nie bei Vapiano (shame on me), deshalb war das quasi ein Muss.

Am nächsten Morgen ging es (wie könnte es anders sein), mit essen weiter! Dieses Mal auf Södermalm, zum Frühstücken bei Greasy Spoon. Ich sollte an dieser Stelle vielleicht den Ratschlag geben, niemals Sonntag morgens auf gut Glück loszugehen und zu hoffen, einen Platz zu bekommen. Wir haben jedenfalls ziemlich lange gewartet. Wie lange kann man leider nicht erzählen, ohne ausgelacht zu werden.

Wenigstens spielte das Wetter uns in die Karten. Der Himmel erstrahlte in wunderschönem blau, die Sonne tauchte die Stadt in leuchtende Farben und es fühlte sich zum ersten Mal nach Frühling an. Wir gingen in Richtung Fjällgatan, um uns die Zeit vor dem Frühstück zu vertreiben, stellten uns an eine Steinmauer und ließen die Sonne auf unsere Gesichter hinab strahlen. Vor uns lag Stockholm, unter uns das Meer. In der Luft lag Unbekümmertheit, die Sehnsucht nach Sommer und eine tiefe Zufriedenheit, die mit dem Wissen einherging, dass all die guten warmen Tage noch vor uns lagen und darauf warteten, von uns gelebt zu werden.

Als wir endlich frühstücken konnten, wurde es auch aller höchste Eisenbahn. Ich bestellte die veganen Pfannkuchen mit Blaubeeren, von denen ich schon viel Gutes gehört hatte, und wurde nicht enttäuscht. Sie waren unglaublich lecker! Auch die Grundstimmung im Café hat mir sehr gut gefallen, aber wie gesagt, da kommt auch nochmal ein eigener Blogpost zu! Jedenfalls hat sich die ganze Warterei am Ende gelohnt!

Den restlichen Tag verbrachten wir eigentlich hauptsächlich mit spazieren gehen. Erst ging es rüber nach Gamla Stan, von dort aus auf die Skeppsholmsbron, einer meiner Lieblingsstellen in Stockholm da man die perfekte Sicht auf Gamla Stan, Norrmalm, Södermalm UND Strandvägen hat, und dann haben wir noch ein bisschen auf Skeppsholm in der Sonne gesessen, bevor wir wieder nach Hause mussten. Am Abend ist Jan nämlich wieder zurück nach Hause gefahren!

Manchmal bedarf es nicht mehr, als Sonne, Meer, starkem Kaffee, noch besserem Essen, guter Musik und einem Menschen, mit dem man wunderbare Gespräche führen kann, damit die Welt wieder in Ordnung ist.

Alltag kann manchmal ganz schon anstrengend sein und auch schlechte Laune machen, aber Stockholm wäre nicht die beste Stadt der Welt, wenn sie das nicht Innerhalb von zwei Tagen wieder fixen könnte!

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