IM SKIURLAUB MIT MEINER AUPAIR FAMILIE || AuPair Diary #22

„Wie, du warst noch nie im Skiurlaub?“

„Ich war noch nie im Skiurlaub.“

„Nicht ein einziges Mal?“

„Nein, nie.“

„Nie?!“

„NIE!“

Ich kann nicht sagen, wie oft ich diesen Dialog mit A. in den Wochen vor dem Skiurlaub hatte. Es müssen unzählige Male gewesen sein. Tatsächlich ist es so, dass ich bis zu dem Zeitpunkt noch nie (NIE) auf Skiern gestanden habe und ich finde das auch überhaupt nicht schlimm. Es hat sich einfach nie ergeben. Als meine AuPair Familie mich dann gefragt hat, ob ich mit ihnen nach Sälen kommen möchte, war ich aber tatsächlich nicht sicher, ob es eine gute Idee sei. Die Kinder fahren quasi seit sie laufen können und ich, als totaler Anfänger, könnte mich höchstens blamieren. Ich habe mich dann aber doch relativ spontan dazu entschlossen, meine comfort zone zu verlassen und die unglaublich großzügige Einladung meiner Familie anzunehmen. Alle meine Freundinnen zeigten sich ausgesprochen hilfsbereit und liehen mir sämtliche Ski-Kleidung. Über Shpock erstand ich meine Skihose und Jacke, investierte auch noch in gute Ski-Unterwäsche und dann war es auch fast schon an der Zeit, Stockholm zu verlassen. Sonntag Morgen sollte es los gehen, und um die sechs Stunden Autofahrt gut zu überstehen, ging ich Samstag Morgen noch zum Parkrun. Bei strahlend blauem Himmel und -12°C. Keine gute Idee, wie sich später zeigen sollte. Ich fühlte mich nämlich augenblicklich krank, als ich danach nach Hause kam. Statt wie geplant einen Freund am Nachmittag zu treffen, blieb ich im Bett, gönnte mir eine heiße Zitrone nach der nächsten und trotzdem ging es mir zunehmend schlechter. Ich brachte es gerade noch über mich, meine Sachen zu packen und bin ernsthaft um halb sieben mit Fieber ins Bett gegangen und habe 13 Stunden durchgeschlafen. Signifikant besser ging es mir am nächsten Morgen nicht, aber dagegen tun konnte ich eh nichts und deshalb wurde das Auto vollgepackt und los ging die Fahrt. Wir sind ziemlich sicher durch die schönste Landschaft gefahren, nur habe ich davon quasi nichts mitbekommen. 5/6 Stunden schlief ich.


Am frühen Abend erreichten wir unser Ziel: Lindvallen. Ein beliebtes Skigebiet, nur wenige Minuten von der norwegischen Grenze entfernt. Als wir ankamen war es dunkel, -18°C und vor unserem Haus türmten sich bestimmt zwei Meter hohe Schneemauern. Jonas hat den Ofen angeschmissen, wir haben die Betten bezogen und dann ging es auch direkt schlafen.

Am nächsten Morgen war es, traurig aber wahr, noch kälter. -22°C nämlich. Da bekommt man richtig Lust, den ganzen Tag draußen zu sein. Mir ging es zwar besser, aber bereit für die Kälte fühlte ich mich nicht. Weil ich noch nie im Skiurlaub gewesen bin, konnte ich nicht so richtig beurteilen, wie viele Lagen ich brauchen würde, um nicht zu frieren, aber nach ein paar Tagen hatte ich den Dreh raus denke ich.

Tag 1: Bis zur Ski-Anlage waren es ungefähr 10 Minuten mit dem Auto und dann haben wir erstmal Skier ausgeliehen. Das war natürlich mega das Chaos, weil ALLE gleichzeitig ankamen und Skier ausleihen wollten. Als wir endlich alle ausgerüstet waren, konnte es los gehen. Mein erstes Mal auf Skiern fühlte sich extrem komisch an. Ich hatte das Gefühl, meine Bewegungen plötzlich nicht mehr kontrollieren zu können und hatte große Probleme, mich fortzubewegen. Während die Kinder schon die ersten Pisten unsicher machten, ist Betty mit mir zur leichtesten „Piste“ (es war letztendlich nicht mehr als ein Hügel) gefahren, die es gab, um mir zu zeigen, wie man lenkt und bremst. Ich nennte sie liebevoll: Die Baby-Piste. Wenn ihr Ski fahren könnt, denkt ihr bestimmt, dass es ziemlich lustig ist, dass ich so unfähig war, aber ich fand es in dem Moment gar nicht so lustig. Ich bin nämlich gefühlte 3m gefahren und das erste Mal hingefallen. Betty sagte, dass sei ganz normal, aber ich fühlte mich einfach nur unfassbar unfähig. Ein Gefühl, was ich absolut verabscheue. Sie ließ mich dann den Rest des Vormittags alleine, damit ich mich in Ruhe an die Skier gewöhnen konnte. Was soll ich sagen. Es war nicht schön. Während Kinder zwischen 3 und 6 Jahren fröhlich an mir vorbei fuhren, fiel ich immer und immer wieder hin. Was war ich froh, als es endlich zum Lunch essen in die Värmestuga ging. Die Anderen hatten einen super Vormittag, aber mir war kalt und ich wollte nach Hause. Zum Glück sind wir dann auch schon am frühen Nachmittag los, weil die Kinder baden gehen wollten im angrenzenden Erlebnisschwimmbad.

Abends wollte ich am liebsten schmollen, aber wir waren bei der Familie zum Abendessen eingeladen, die auch schon mit uns zusammen in Südfrankreich war. Es wurde ein richtig schöner Abend, die Kinder spielten Karten und hatten es „jätteroligt“ und ich wurde für mein Schwedisch gelobt, das sich seit Oktober ziemlich verbessert hat. (Wäre ja auch traurig, wenn nicht)

Tag 2: Wieder den ganzen Tag auf der „Baby-Piste“ zu verbringen, konnte ich mit meinem Ego nicht vereinbaren, und bin deshalb zu anderen grünen Pisten gefahren, die auch einfach, aber schon länger und steiler waren. Gegen Ende des Tages landete ich auf einer bis dahin für mich steilsten Piste und habe mich dort filmreif auf die Nase gelegt. Ich bin so lange gerutscht und weiter geschlittert, dass ich dachte, ich würde nie zum Stillstand kommen. Meine Skier und Stöcke hatte ich irgendwo hinter mir verloren und wäre mir nicht eine nette Dame zu Hilfe geeilt, wäre ich vermutlich gestrandet gewesen. Der Sturz hat mich so abgeschreckt, dass ich wieder leichtere Pisten fuhr, was alleine gar nicht mal so lustig ist den ganzen Tag. Meine Familie war nämlich auf den roten und schwarzen Pisten unterwegs.

Nachmittags wollten die Kinder wieder baden, und dieses Mal bot ich an, Aufsichtsperson zu spielen. Dabei habe ich absolut nichts für Schwimmbäder übrig. Ich friere da immer und könnte mir lustigere Dinge vorstellen, als ewige Minuten vor diversen Wasserrutschen anzustehen, mit einem klobigen Reifen. Was tut man nicht alles, um die Kinder bei Laune zu halten. Vor allem S. war überglücklich, dort zu sein und konnte gar nicht genug bekommen. Nach zwei Stunden reichte es mir aber und wir sind zurück zu unserem Häuschen gedüst. Insgesamt war es auch gar nicht mal so übel dort.

Diesen Abend waren unsere Freunde bei uns zu Gast, und irgendwie schafften wir es, ein leckeres Abendessen aufzutischen, trotz Stromausfalls und einem danach nicht mehr funktionierenden Ceranfeldes.

Tag 3: Back to basics. Es wurde Zeit, mein größtes Problem in Angriff zu nehmen: Bremsen. Das konnte doch nicht so schwierig sein. Oder? Ich hatten niemanden, der es mir erklären konnte, und versuchte einfach, es mir bei anderen Leuten abzugucken, die aussahen, als wüssten sie, was sie tun. Den ganzen Tag verbrachte ich damit. Losfahren, lenken, bremsen. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal. Nicht besonders spannend, aber so brachte ich mir die Technik bei. Nach dem fünfzigsten Mal beschloss ich, nochmal zu der Piste zu fahren, auf der ich am ersten Tag so doll hingefahren bin, und dieses Mal fuhr ich nicht unkontrolliert schnell runter, sondern wusste genau, was ich tue, und fühlte zum ersten Mal so etwas wie Freunde beim Fahren. Definitiv ein Erfolgsmoment.

Meine Familie hatte dagegen nicht so viel Spaß wie üblich, weil auf Grund der argen Kälte und starken Windes die großen Lifte geschlossen blieben, und sie ihre Lieblingspisten nicht fahren konnten. Bei gefühlten -35°C würde ich jedoch auch nicht dort oben sein wollen.

Auch der Spaziergang mit Cisco am Nachmittag war super kalt, obwohl ich gefühlt alles anhatte, was ich besaß. Wirklich lange konnte man aber sowieso nicht mit ihm draußen sein, weil auch er fror.

Abends haben wir es zum ersten Mal ruhig angehen lassen, mit einem Gesellschaftsspiel, Schokolade und einem prasselnden Feuer im Hintergrund. Danach schlief ich wie ein Baby.

Tag 4: Mit frischem Mut durch den vorigen Tag traute ich mich zum ersten Mal auf einen größeren Lift und eine blaue Piste. Ich fand es zwar super gruselig, dort herunter zu fahren, stürzte aber nicht. Als ich meiner Familie davon beim Lunch berichtete, meinte Betty, ich könnte nun auch eigentlich mit zu einer roten Piste kommen. Die seien zwar steiler, aber besser zu fahren, weil dort nicht so viele Leute seien, und der Schnee auch besser wäre. Ich hielt das zwar für zu früh, ließ mich aber dennoch dazu hinreißen und fuhr zum ersten Mal in meinem Leben mit einem Sitzlift. Wow Nele.

Unter A.’s und S.’s kritischen Blicken ging es also los. Ich muss nicht erwähnen, dass ich mich minimal unter Druck gesetzt fühlte, jetzt nicht hinzufallen. Tatsächlich schaffte ich es, nicht zu stürzen, aber ich hatte eine riesen Angst und versuchte, mich zu zwingen, cool zu bleiben. Meine Erleichterung, heile unten angekommen zu sein, konnte ich quasi nicht verbergen. Betty lobte mich, während Jonas sich köstlich darüber amüsierte, was für große Bögen ich fuhr, um ja nicht zu schnell zu werden. Haha. That’s life.

Tag 5: Meine Familie sah mich jetzt als ausreichend gut an, um nur noch mit ihnen zusammen zu fahren. Das war, zugegebenermaßen, viel viel lustiger, als den ganzen Tag alleine unterwegs zu sein. Wir fuhren alle möglichen roten Pisten zusammen, die Schwarzen ließ ich aber aus. Man sollte seine neuen Fähigkeiten nicht überschätzen. Die Zeit ging plötzlich viel zu schnell rum und ich entwickelte wirklich Freude am Ski-Fahren. Jedes Mal wurde ich besser und sicherer und fühlte mich irgendwann auch nicht mehr fehl am Platz.

Für diesen Abend stand ein Restaurant Besuch bei Lammet & Grisen an, einem Restaurant mit ausgezeichnetem Ruf, das meine Familie wohl jedes Jahr besucht. Tatsächlich war ich ziemlich überwältigt und konnte ihre Begeisterung darüber teilen, sowohl über’s Essen, als auch über den fantastischen Service. Zwar ist es besonders für sein gutes Fleisch bekannt, aber ich habe freundlicherweise eine ewig lange Liste mit vegetarischen und veganen Gerichten bekommen und konnte gar nicht so viel essen, wie mir angeboten wurde. Man isst nämlich Buffet, und es war das Beste, was ich jemals zuvor erlebt habe. Unfassbar. Was ich ganz vergessen hatte zu erwähnen: Bettys Vater war extra aus Stockholm angereist, um mit beim Essen dabei zu sein. Ich fand das ziemlich lustig und die stundenlange Anreise mit dem Zug ist wohl ein Liebesgeständnis an das Restaurant für sich.

Tag 6: Unser letzter Tag auf Skiern begann früh am Morgen, denn wir wollten nochmal das Beste aus dem Tag machen. Die Kinder wollten nachmittags nochmal schwimmen gehen, und ich blieb als Einzige im Schnee zurück, denn jetzt, wo ich endlich Spaß am Fahren hatte, wollte ich das auch nicht so schnell wieder aufgeben. Kurz bevor es an der Zeit war, die Skier zurück zu geben, fasste ich dann den Beschluss, noch eine schwarze Piste zu fahren, und fuhr hoch zu Adam (alle Pisten haben einen Namen und Adam ist der Familienliebling). Als ich dort oben stand und das Schild SVÅR laß, wurde mir schon etwas mulmig zu Mute. Ich dachte, entweder hab ich gleich richtig Spaß, oder ich überlebe die Abfahrt nicht, haha. Es waren kaum Leute auf der Piste und wie sich herausstellte, war Adam absolut kein Problem! Im Gegenteil! Ich hatten unglaublich viel Spaß und es war überhaupt nicht gruselig! Tatsächlich fand ich im Nachhinein die rote Nachbar-Piste, die passenderweise den Namen „Eva“ trägt, wesentlich schwieriger. Sehr sehr zufrieden und stolz bin ich spontan nochmal hochgefahren und Pernilla, eine andere schwarze Piste, gefahren. Diese war aber echt tricky und ich war heilfroh, als ich endlich unten war, haha. Zu guter Letzt fuhr ich meine liebste rote Piste (Olle) zum Abschluss runter und gab dann mehr als zufrieden meine Skier ab.

Ich bin unglaublich glücklich darüber, mitgefahren zu sein. Montag: Ich kann nichts, alles ist blöd, ich will nach Hause. Samstag: Ich fahre die schwarzen Pisten alleine, habe eine super Zeit und kann gar nicht genug bekommen.

In dieser Woche habe ich mir selbst bewiesen, dass man alles schaffen kann, wenn man es nur genug will und sein Bestes gibt. Ich bin über meinen Schatten gesprungen, habe in Kauf genommen, drei Tage lang nur hinzufallen, bin immer wieder aufgestanden, habe meinen Stolz unterdrückt und mir selbst und meiner Familie gezeigt, dass man (auch ohne Lehrer) neue Dinge lernen kann, wenn man es nur  wirklich will.

Auch wenn meine Familie das hier nicht liest: TACK TACK TACK, ich hatte die beste Zeit mit euch!

Sonntag Morgen ging es zurück nach Hause. Jonas vollbrachte das logistische Meisterwerk, 4 Erwachsene, 2 Kinder, einen Hund und Ski-Gepäck für eine Woche in EINEM Landrover zu verstauen. Da hat wohl jemand genug Tetris als Kind gezockt.

Die Woche war voll mit Schnee, Spaß, gutem Essen, Kaminfeuern, Sauna, Gesellschaftsspielen, warmer Schokolade und Familienzeit. Besser geht es gar nicht!

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