TALLINN – Ein Tag in Estland

Unsere Reise startete an einem kalten Freitag. Wir, das sind Merle, Sophia, Samira, Franzi, Maite und ich, trafen uns gegen 16 Uhr in Ropsten und nahmen von dort aus den Bus zur Fähre. Die Strecke ist ja mittlerweile bekannt. Das Einchecken verlief ebenso unproblematisch wie beim letzten Mal und schon waren wir auf dem Schiff und haben es uns in unseren Kabinen gemütlich gemacht. Wir sind wieder mit Tallink gefahren, hatten aber dieses Mal zwei Kabinen gebucht und beide hatten ein Fenster und waren auch etwas größer, als auf unserer Reise nach Riga. Obwohl zwei Betten frei standen und unsere Zimmer besser waren, bezahlten wir kaum mehr. Ich kann euch also nur dringend raten, die paar Euro mehr zu investieren, wenn ihr auch mal von Stockholm nach Riga/ Tallinn fahren wollt, denn es macht wirklich einen Unterschied.

Wir hatten uns bewusst dagegen entschieden, im Restaurant auf dem Schiff zu essen. Alle hatten ihre Ikea-Glasdosen mit vorgekochtem Essen dabei, welches wir genüsslich auf unserem Zimmer verspeisten. Den Abend verbrachten wir hauptsächlich in unsere Kabine, quatschten und aßen ungesunde Sachen. Für meinen Geschmack waren auf dem Schiff zu viele Leute, die sich nur betrinken wollten und mit billigem Parfüm und kurzen Kleidern durch die Gegend rannten, aber davon abgesehen war die Fahrt angenehmer, weil der Seegang besser war als letztes Mal und keinem von uns übel wurde! Wir sind früh schlafen gegangen und waren am nächsten Morgen ausgeschlafen, fit und bereit für Tallinn! Für diejenigen unter euch, die nicht wissen, wo Tallinn liegt: Estlands Hauptstadt Tallinn liegt am Finnischen Meerbusen der Ostsee, etwa 80 Kilometer südlich von Helsinki. Als Hauptstadt ist sie das politische und kulturelle Zentrum Estlands und hat ca. 430000 Einwohner. (Danke Wikipedia.)

Es war kalt, aber darauf waren wir vorbereitet. Nachdem wir von Bord gegangen waren, zog es uns direkt in die Altstadt. Es war nicht weit zu Fuß und leicht zu finden. Man folgt hauptsächlich fremden Menschen, die den Anschein erwecken, als hätten sie in etwa das selben Ziel wie man selbst. Meine Erfahrungen damit sind außerordentlich positiv!

Die Altstadt (die nebenbei bemerkt 1997 zur Liste der UNESCO Weltkulturerbe hinzugefügt wurde) liegt auf einer Anhöhe, dem 46m hohen Domberg, und wird über ein Steintor der Stadtmauer betreten.

Mein erster Eindruck von Tallinn war, dass fast alles genauso aussah, wie in Riga! Die Ähnlichkeit zum Nachbarland ist wirklich nicht zu übersehen. Die meisten Häuser waren alt und sahen aus, als wären sie in einen pastellfarbenen Farbtopf gefallen, die Gässchen waren mit Kopfsteinpflaster ausgelegt und außer den Leuten vom Schiff tummelten sich kaum Menschen auf den schmalen Straßen.  Tallinn ist wirklich ein außergewöhnlich gut erhaltenes Beispiel einer mittelalterlichen nordeuropäischen Handelsstadt. Die Stadt fühlte sich verschlafen an, aber auch gemütlich.

Das Rathaus und der Rathausplatz erinnerten mich stark an Riga, ebenso wie die Architektur der Gebäudefassaden und die zahlreichen Kirchen. Um die Altstadt zu untersuchen, brauchten wir nicht länger, als einen halben Vormittag. Alles war sehr gut zu Fuß erkunden und dass die Stadt nicht von Touristen überlaufen war, war auch angenehm.

Das Rathaus

Franzi hatte von einem Freund den Tipp bekommen, dass es eine Art Hipster/ Kunst whatever Viertel gab, und dort sind wir dann hinspaziert. Auf dem Weg dorthin kamen wir aber bei einer Art überdachter Markthalle vorbei, und dort haben wir dann erstmal Halt gemacht, uns umgeschaut und aufgewärmt. Hier merkte man dann doch deutliche Unterschiede zu Riga. Alles war wesentlich moderner und wirkte meiner Meinung nach ‚westlicher’.


Später ging es weiter zu Franzis „Geheimtipp“. Erst sah alles relativ geschlossen und traurig aus mit all dem Schnee, aber letztendlich fanden wir einen Gebäudekomplex mit fancy Cafés, Konceptstores und anderen coolen Läden mit überteuertem Interior und anderen Sachen, die man haben will, aber nicht braucht. In einem tollen Café/ Restaurant fanden wir mit viel Glück tatsächlich noch einen Tisch für sechs Personen, aßen Lunch dort und gönnten uns später auch noch eine Fika. Es war, wie erwartet, wunderbar erschwinglich, auch wenn es deutlich teurer war, als Riga. Das Gebäck für 0,13€ werde ich nie vergessen. Auf Grund der Kälte haben wir es genossen, noch etwas länger sitzen zu bleiben, als geplant, aber irgendwann wollten wir dann doch los, um noch etwas mehr zu sehen.

Wie auch Riga hat Tallinn eine große, orthodoxe Kathedrale, die Alexander-Newski-Kathedrale (benannt nach einem Russen). Als wir hinein gingen, wurde gerade eine Art Zeremonie abgehalten, die ich ziemlich beeindruckend fand. Als ich dort so stand und den gedämpften Gesängen lauschte, kam mir der Gedanke, auch mal einem Gottesdienst in einer Kirche in Stockholm beizuwohnen. Ich war schon ewig nicht mehr in einer Kirche und weiß auch gar nicht so richtig, warum nicht.


Einige wenige Meter von der Kathedrale entfernt liegt auch schon die Residenz des deutschen Botschafters und der Sitz des estnischen Parlamentes. Am Rad des Domberges hat man, je nach Wetterlage (wir hatten nicht so viel Glück) einen herrlichen Ausblick über den Rest der Stadt. Da es relativ schnell dunkel und ungemütlich kalt wurde, haben wir uns auf dem Rückweg zum Schiff nur noch das Theater angesehen und die Innenstadt. Hier tummelten sich tatsächlich viele Leute auf den Straßen, was ich gar nicht mehr für möglich gehalten hatte, nachdem ich die meiste Zeit des Tages in einer fast ausgestorbenen Altstadt verbracht hatte.


Wenn ich Riga und Tallinn jetzt im Nachhinein miteinander vergleiche, finde ich Riga glaube ich besser. Ich weiß nicht, ob es der Tatsache geschuldet ist, dass wir am lettischen Nationalfeiertag in Riga gelandet sind, aber ich hatte dort einfach mehr das Gefühl, dass es eine gewisse Energie gibt, einen Drang nach Kultur und Lebensfreude und Stolz, welche mir in Tallinn ein wenig gefehlt hat. Das ‚Hipster-Viertel‘ in Tallinn war dafür aber wirklich klasse und ich hätte dort ohne Probleme weitere Stunden verbringen können. Ich glaube, dass es vor allem im Sommer richtig toll dort ist, aber das gilt gleichermaßen auch für Riga.

Tallinn ist auf jeden Fall eine schöne, kleine, verschlafene Stadt, die es wert ist, besucht zu werden!

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